Mitteilungen des Referats für die
Kulturgüter der Orden - MiRKO

200 von 2000 Jahren: Katholische Organisationen sind jung – und typisch deutsch. Katholische Organisationen und ihre Archive

Vortrag gehalten am 9. April 2018 bei der 4. gemeinsamen Jahrestagung der deutschen und österreichischen Ordensarchive in München, Exerzitienhaus Schloss Fürstenried.

Maria Wego (Archiv des Jugendhauses Düsseldorf e.V. / Sprecherin der AGAUE)

Vielfältig und einzigartig

Das Engagement von Laien in der katholischen Kirche ist weltweit stark, aber je nach kulturellen Gegebenheiten und staatlichen Rahmenbedingungen verschieden ausgeprägt. Die katholischen Organisationen Deutschlands sind in der Weltkirche einzigartig und geprägt von dem typisch deutschen Vereinswesen, das auch das ehrenamtliche Engagement prägt. Struktur, Aufgaben und Bedeutung der katholischen Organisationen sind aber nicht nur weltweit erklärungsbedürftig, sondern auch innerhalb Deutschlands. Zwar sind Vereine in Deutschland den meisten Menschen grundsätzlich vertraut, doch die Vielfalt der katholischen Verbände, Vereine, Hilfswerke, Geistlichen Gemeinschaften, Säkularinstitute etc. überschauen die wenigsten engagierten Katholikinnen und Katholiken.

Die Entstehung der verschiedenen Organisationen ist eng verbunden mit den politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen in Deutschland. So reizvoll die nähere Beschäftigung damit ist, so muss sie an dieser Stelle aus Zeitgründen leider unterbleiben. Mit Blick auf das Archivwesen soll aber ein kurzer Blick auf die Entstehungsjahre geworfen werden, da sie eine Vorstellung davon vermitteln können, welche Archivgrößen zu erwarten sind. Die Anfänge des organisierten Laienengagements in Deutschland liegen im 19. Jahrhundert. Zu den ältesten Gründungen gehören:

- der Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS (1815),

- missio (1832),

- die Gemeinschaft der Vinzenz-Konferenzen Deutschlands (1845) und

- das Kolpingwerk (1846).

Die erste Katholikenversammlung, heute Katholikentag, vom 3. bis 6. Oktober 1848 in Mainz war ein Treffen dieser Verbände. Erst später entwickelte sich daraus ein Treffen, das das gesamte Spektrum katholischen Lebens in Deutschlands umfasste[1]. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die 1920-er Jahre folgten weitere Gründungen. Beispielhaft seien hier genannt:

- die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands (1872),

- der Bundesverband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (1877),

- der Sozialdienst katholischer Frauen (1899)

- der Bund Neudeutschland (1919),

- die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (1928) sowie

- der Katholische Jungmännerverband Deutschlands (1891) und der Zentralverband der Jungfrauenvereinigungen Deutschlands (1916), die die Wurzel der Katholischen Jungen Gemeinde (1970) sind.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weitere Verbände und Hilfswerke ins Leben gerufen. Dazu zählen:

- der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (1947),

- die Christliche Arbeiterjugend (1947),

- der Bund Katholischer Unternehmer (1948),

- der Malteser Hilfsdienst (1953),

- das Maximilian-Kolbe-Werk (1973) sowie

- die Hilfswerke Misereor (1958) und Adveniat (1961).

In den folgenden Jahrzehnten folgten weitere Gründungen wie zum Beispiel die des Hilfswerks Renovabis (1993). Als Antwort auf Fragen der Zeit werden also auch weiterhin katholische Organisationen gegründet.

Im Rahmen einer Erhebung hat die Arbeitsgruppe der Archive der überdiözesanen Einrichtungen (AGAUE) bisher von etwa der Hälfte der auf Bundesebene tätigen Organisationen die Gründungsdaten ermitteln können. Demnach gab es in der ersten und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jeweils 18 Gründungen, bis 1945 35 Gründungen und nach 1945 89 Gründungen. Ein Überblick über die derzeit aktiven Organisationen ist auf der Website des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu finden[2].

[3]

Organisationsstrukturen: Orientierung an Kirche und Staat

Der Aufbau vieler katholischer Organisationen orientiert sich einerseits an der kirchlichen Struktur. Andererseits gibt es zusätzlich zu der Ebene der Pfarrei und der Diözese auch eine Struktur, die sich an staatlichen Strukturen orientiert, d.h. es gibt auch die Ebene der Bundesländer und des Bundes. Die Graphik der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) macht dies deutlich:

Die kirchlichen Hilfswerke oder manche Zusammenschlüsse sind allerdings ausschließlich auf Bundesebene angesiedelt, d.h. sie sind wie die Landes- und Bundesebenen der katholischen Organisationen keinem (Erz-)Bistum zuzuordnen.

Vielfalt ist schön, aber manchmal auch unübersichtlich

Das breite Spektrum der katholischen Organisationen ist ein Zeichen dafür, dass in der Kirche viele, wenn nicht sogar alle kirchlichen und gesellschaftlichen Bereiche vertreten sind. Diese Vielfalt ist ein Zeichen einer lebendigen Kirche, in der sich Menschen verschiedener Talente und Interessenslagen engagieren. Doch ist es schwierig einen Überblick zu er- bzw. behalten. Nach einer Erhebung der AGAUE gibt es allein auf der Bundesebene etwa 270 katholische Organisationen. Zahlen zu den katholischen Organisationen in den einzelnen Diözesen liegen nicht vor. Um dennoch einen Eindruck von der Vielfalt zu erhalten, hilft eine Gliederung der katholischen Organisationen in Personalverbände, Sachverbände, Hilfswerke, Geistliche Gemeinschaften, Säkularinstitute und Berufsverbände. Hier einige Beispiele für die jeweilige Kategorie:

Personalverband: Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Katholische Frauengemeinschaf Deutschlands (kfd), Kolpingwerk

Sachverband: Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH), Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung, Katholische Erwachsenenbildung Deutschland

Hilfswerke: Adveniat, Deutscher Caritasverband, Misereor, Renovabis

Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen: Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche, Cursillo-Arbeitsgemeinschaft Deutschland (CAD)

Säkularinstitute: Scalabrini Säkularinstitut, Institut Notre Dame de Vie

Berufsverbände: Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands, Bund Katholischer Rechtsanwälte, Bund Katholischer Unternehmer (BKU)

Die Personalverbände stellen die größte Gruppe, gefolgt von den Sachverbänden und Hilfswerken. Geistliche Gemeinschaften, Säkularinstitute und Berufsverbände sind jeweils etwa gleich große Gruppen.

Der Blick auf die Verteilung der Sitze auf die Diözesen zeigt das generell im katholischen Deutschland vorhandene West-Ost- und Nord-Süd-Gefälle: Die meisten Organisationen haben ihren Sitz im Erzbistum Köln, gefolgt von Freiburg und München und Freising. Die unterschiedliche Verteilung ist aufgrund des in der Kirchlichen Archivordnung (KAO) vorgesehenen Belegenheitsprinzips[4] für einige Diözesanarchive von besonderer Bedeutung, da bei der zukünftig häufiger zu erwartenden Auflösung von katholischen Organisationen personelle und finanzielle Ressourcen in den Archiven vorhanden sein müssen, um das Kulturgut zu sichern und zu erschließen.

Zusammenschlüsse und Vertretungen

Während das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) recht bekannt ist, ist die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Organisationen Deutschlands (AGKOD) weitgehend unbekannt. In ihr haben sich rund 125 katholische Organisationen zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, das insgesamt rund 6 Millionen Mitglieder vertritt. Auch die Träger der Archive der AGAUE sind vertreten, die ihrerseits ein Vorstandsmitglied der AGKOD als Ansprechpartner/in für ihre Anliegen hat. Die AGKOD berät über gemeinsame Anliegen in Kirche, Staat und Gesellschaft, vertritt gemeinsame Initiativen und fördert den Gedanken- und Erfahrungsaustausch der Mitgliedsorganisationen. Sie wählt auf ihrer alle zwei Jahre stattfindenden Delegiertenversammlung 97 Persönlichkeiten in die Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Das ZdK seinerseits beobachtet die Entwicklungen im gesellschaftlichen, staatlichen und kirchlichen Leben und vertritt die Anliegen der Katholiken in der Öffentlichkeit. Es gibt Anregungen für das apostolische Wirken der Kirche und in der Gesellschaft und stimmt die Arbeit der Mitglieder untereinander ab. Die sieben Sachbereiche zeigen das Aufgabenspektrum:

Sachbereich 1: Pastorale Grundfragen

Sachbereich 2: Politische und ethische Grundfragen

Sachbereich 3: Wirtschaft und Soziales

Sachbereich 4: Bildung, Kultur und Medien

Sachbereich 5: Familienpolitische Grundfragen

Sachbereich 6: Nachhaltige Entwicklung und globale Verantwortung

Sachbereich 7: Europäische Zusammenarbeit und interkulturelle Fragen

Zudem wirkt das ZdK an den kirchlichen Entscheidungen auf überdiözesaner Ebene mit und berät die Deutsche Bischofskonferenz in Fragen des gesellschaftlichen, staatlichen und kirchlichen Lebens. Zu den gemeinsamen Initiativen und Veranstaltungen gehört der Deutsche Katholikentag.

Die Vollversammlung des ZdK besteht aus 97 Persönlichkeiten der AGKOD, 84 Vertretern der 29 Räte (je ein/e Vertreter/in der 27 Diözesanräte, des Katholikenrates beim Katholischen Militärbischof und des Bundespastoralrates der Katholiken anderer Muttersprache) und berufenen 45 Einzelpersönlichkeiten. Die Vollversammlung wählt das Präsidium, den Hauptausschuss, richtet die Sachbereiche ein und benennt zehn Vertreterinnen und Vertreter für die Gemeinsame Konferenz mit den deutschen Bischöfen. Dieser gehört mit beratender Stimme auch der Geistliche Assistent des ZdK an.

Exkurs: Der Deutsche Katholikentag

Erstmals fand vom 3. bis 6. Oktober 1848 in Mainz eine „Generalversammlung des katholischen Vereins Deutschlands“ statt, aus der sich schließlich der Deutsche Katholikentag entwickelte. Seit 1970 wird er vom ZdK getragen und findet im Zwei-Jahresrhythmus jeweils in wechselnden Bistümern von Mittwoch bis Sonntag statt, in der Regel über Fronleichnam oder Christi Himmelfahrt. Seit den 1990er Jahren präsentieren an Ständen auf der „Kirchenmeile“ neben den katholischen Verbänden auch weitere Einrichtungen, Medien, Ordensgemeinschaften, Bistümer, Hilfswerke u. a. ihre Arbeit. Dabei zeigt sich die Breite der kirchlich-weltanschaulichen Ausrichtungen wie bei kaum einem anderen religiösen Ereignis.

Wenn auch der Deutsche Katholikentag vom ZdK getragen wird, so wird doch für jeden Katholikentag ein eigener Verein mit Sitz in der jeweiligen Stadt gegründet. Für den Katholikentag in Münster ist dies beispielsweise der „101. Deutsche Katholikentag Münster 2018 e. V.“. Der Verein wird nach Beendigung der Arbeiten wieder aufgelöst, so dass die Unterlagen an das zuständige Diözesanarchiv abgegeben werden. Das Archiv des ZdK ist für die Unterlagen der Katholikentage also nicht zuständig - dennoch ist es selbstverständlich immer eine gute Quelle für alle Fragen rund um die Katholikentage.

„mia san mia“ und „Wir für uns und alle gemeinsam“

Alle katholischen Organisationen haben ein ausgeprägtes „Wir-Gefühl“ oder wie es in Bayern ausgedrückt wird „mia san mia“. Zwar sind sie alle römisch-katholisch und überzeugte Mitglieder der römisch-katholischen Kirche in Deutschland sowie ihrer Bistümer, aber sie sind zuerst kfd, BDJK oder Kolping. Außerdem sind sie stets eng verbunden mit anderen Bewegungen, wie der Pfadfinder-, der Frauen- oder der Jugendbewegung. Dies erklärt, warum bei Überlegungen zum Thema Archiv manche Organisationen trotz Kirchlicher Archivordnung weniger an das zuständige Diözesanarchiv denken als an das Archiv der jeweiligen Bewegung.

Auch wenn alle katholischen Organisationen eigenständig arbeiten, arbeiten sie bei einer Vielzahl einzelner Projekte zusammen. Es gilt also „Wir für uns und alle gemeinsam“. Hier ein kleiner Ausschnitt aus der Praxis:

[5]

Wie auf der Grafik zu sehen ist, sind an einer Aktion bis zu sechs katholische Organisationen beteiligt. Damit nicht alle Unterlagen bei allen Beteiligten aufbewahrt werden, sind Absprachen der Archive untereinander erforderlich. Die AGAUE als Netzwerk hilft dabei, die erforderlichen Kontakte herzustellen und zu pflegen.

Zukünftige Herausforderungen für die Archive

Wie in allen Bereichen der katholischen Kirche in Deutschland unterliegen auch die katholischen Organisationen einem Veränderungsprozess, zu dem auch Mitgliederschwund und Auflösungen gehören. Angaben über Altersstruktur und Mitgliederzahlen der katholischen Organisationen, die bei der Frage weiterhelfen können, welche Arbeit durch Auflösungen beispielsweise auf die Archive zukommen wird, gibt es nicht. Da jede Organisation eigenständig ist, gibt es beispielsweise keine Meldepflicht beim ZdK oder einer anderen Stelle. Daher ist es für die Archive umso wichtiger, Kontakte zu knüpfen und Netzwerke unterhalten, damit möglichst rechtzeitig die Verantwortlichen in den katholischen Organisationen beraten werden können. Die AGAUE unterhält aus diesem Grund enge Kontakte zur Geschäftsführung der AGKOD und zu den Diözesanarchiven. Gemeinsam wird es hoffentlich gelingen, die Unterlagen der katholischen Organisationen in Deutschland zu bewahren und so die Antworten, die sie aus dem Glauben heraus auf die Herausforderungen der Zeit gegeben haben, zukünftigen Generationen zugänglich zu machen.

Archive der katholischen Organisationen in Deutschland im Netz

www.agaue.de

www.archivekod.hypotheses.org



[1] Vgl. Holger ARNING, Hubert WOLF: Hundert Katholikentage. Von Mainz 1848 bis Leipzig 2016 (Darmstadt 2016).

[3] Alle Grafiken stammen aus der Präsentation zum Vortrag und beruhen auf einer Erhebung der AGAUE, die 2013 gemacht wurde und weiterhin aktualisiert wird.

[4] Belegenheitsprinzip: Die überdiözesanen Organisationen sind keinem Bistum zuzuordnen. Für einige Angelegenheiten ist jedoch das (Erz-)Bistum zuständig, auf dessen Gebiet sie liegen.

[5] Informationen zu den Aktionen (Recherche am 17.04.2018):

-      Adventaktion: http://www.djk-sportjugend.de/projekte-themen/soziale-projekte

-      Aktion Dreikönigssingen: https://www.sternsinger.de und http://www.bdkj.de/aktionen/aktion-dreikoenigssingen

-      Gebetsstunde zum Weltfriedenstag: u.a. https://www.kfd-bundesverband.de/fileadmin/Bilder/Projekte/Weltfriedenstag/Gebetsstunde_Weltfriedensgebet_2018_Web.pdf

-      Josefstag: http://www.josefstag.de

-      Jugendfastenaktion: http://jugendaktion.de/2018

Ökumenischer Kreuzweg der Jugend: https://www.jugendkreuzweg-online.de

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Medieninhaber:
Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, Vereinigung der Frauenorden Österreichs
Herausgeber:
Referat für die Kulturgüter der Orden