Mitteilungen des Referats für die
Kulturgüter der Orden - MiRKO

Wir müssen in Ruhe über die brennenden Fragen sprechen können.

Die Anfänge der Vereinigung der Frauenorden Österreichs: Historische Impulse für ein Miteinander[1].

Helga Penz (Referat für die Kulturgüter der Orden)

„Wir müssen in Ruhe über die brennenden Fragen sprechen können“. Das schrieb die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Frauenorden und –kongregationen Schwester Tarcisia Meyer im September 1963 an den geistlichen Konsulenten des Ordensrats[2]. Es ging um die Vorbereitung der Jahrestagung der österreichischen Ordensfrauen in Innsbruck. „Es hat sich in diesem Jahr bei mir verschiedenes angesammelt“, so Sr. Tarcisia „ alles Dinge, die mit einer Erneuerung der Orden zusammenhängen und die nicht gerade angenehm sind.“ Die Ordensfrauen wollten bei der Tagung vortragsfreie Zeit für sich und unter sich haben, „weil“, so Tarcisia“, „es sonst für uns peinlich ist“. Es ist die Zeit des zweiten Vatikanischen Konzils und der zeitgemäßen Erneuerung der Kirche. Für die Frauenorden sollte es ein besonders harter und weiter Weg werden.

Abb. 1: Sr. Tarcisia Meyer (Foto: Archiv der Caritas Socialis)

 

Visitation der Orden

Ordensreform war schon sehr viel früher ein Thema, auch in Österreich. Bereits 1948 hatte der Erzbischof von Salzburg Andreas Rohracher den päpstlichen Auftrag erhalten, für die „Wiederherstellung der durch den großen Krieg gänzlich zerrütteten Ordensdisziplin in allen Klöstern und Ordenshäusern“ zu sorgen[3]. Der ideologisch motivierte Kirchenkampf von sieben Jahren nationalsozialistischer Herrschaft mit der Zerstreuung vieler Konvente, die personellen Verluste durch Verfolgung und Kriegsdienst und schließlich auch moralische Schäden und vielgestaltige Apostasie blieben im Detail ungenannt[4].

Man ging davon aus, dass zu dieser Zeit in Österreich insgesamt etwa 500 Konvente bestanden, davon 170 Männer- und 340 Frauengemeinschaften. Rohracher sah sich außerstande, alle diese Niederlassungen zu besuchen und erhielt auf Rückfrage den Bescheid, er möge bei den Stiften beginnen. Man meinte wohl, hier gäbe es noch einiges an spätjosephinischer Geisteshaltung auszumerzen, und der Apostolische Visitator hielt denn auch die Lebensweise in Österreichs Männerklöstern für zu wenig monastisch und zu liberal. Probleme dieser Art hatte er bei den Frauenorden nicht, im Gegenteil sah er in der oft allzu strengen Disziplin eine der Ursachen des Nachwuchsmangels[5]. Es sollte sich bald zeigen, dass die Auffassungen darüber, wie die Frauenorden und -kongregationen zu erneuern seien, in den befassten kirchlichen Kreisen weit auseinandergingen.

Abb. 2: Erzbischof Andreas Rohracher (Foto: Archiv der Erzdiözese Salzburg, Sign. 6.1.3.F1 344)

 

Gründung des Ordensrats

Als Rohracher seine Tätigkeit begann, musste er feststellen, dass sich bei den Frauenorden schon einiges getan hatte. 1936 hatte in Rom ein internationaler Krankenschwesternkongress getagt, davon ausgehend erfolgte 1938 die Gründung der „Katholischen Schwesternschaft Österreichs“. Geleitet wurde sie von Pater Robert Svoboda aus dem Kamillianerorden, einer Gemeinschaft, die sich dem Krankenapostolat verpflichtet hat[6]. Während der Zeit des NS-Regimes hat P. Svoboda Treffen mit den Oberinnen organisiert. Auf der Tagung des Österreichischen Caritasverbands im Oktober 1947 war beschlossen worden, einen Ordensrat als Vertretung der in Spitälern und Heimen tätigen Ordensfrauen einzurichten, um die Zusammenarbeit der Gemeinschaften mit der Caritas zu verbessern[7].

Abb.3: P. Robert Svoboda (Foto: Provinzarchiv der Kamillianer)

 

Die Anliegen von P. Svoboda waren gesetzliche Regelungen für die karitativen Werke und die angestellten Schwestern, Weiterbildung und Einrichtung von Pflegeschulen und Förderung des Ordensnachwuchses[8]. Der Kamillianer hatte auch bereits mehrere Werkwochen für Novizenmeisterinnen geleitet. Rohracher hatte Bedenken gegenüber solchen Treffen und schrieb an Svoboda: „Spirituale, Beichtväter, auch ernste Seelsorger, erst recht die Ordensleute selbst waren und sind der Meinung, dass nach den Jahren der „Zerstreuung“ und Lockerung der Disziplin nichts so nottue als die äussere und innere Sammlung in Disziplin, echter Klosteraszese, Besinnung auf den Geist des Ordenslebens und der besonderen Ordensfamilie.[…] Ob diese vordringlichste Aufgabe mit dieser Planung gefördert wird, wo die Ordensfrauen mit allen Erscheinungsformen des Zeitgeistes und Weltlebens und den Besonderheiten der anderen Orden bekannt gemacht werden?“[9]

Als man Rohracher um Zustimmung für den Ordensrat als ständiges Ausschussorgan der Frauenorden bat, war dieser etwas überfordert und fragte beim Heiligen Stuhl nach. Unterstaatssekretär Montini schrieb, dass der Ordensrat das Wohlgefallen des Heiligen Vaters gefunden habe[10]. Dadurch ermuntert, regte der Apostolische Visitator bei seinen Mitbrüdern im Bischofsamt an, es möge doch in jeder Diözese ein solcher Caritasordensrat eingerichtet werden[11]. Aus Innsbruck meldete man ihm, dass hier schon seit Jahren eine Arbeitsgemeinschaft der Frauenklöster bestehe[12].

1949 hielt der Ordensrat sein erstes Treffen ab, in den Rat wurden Vertreterinnen aus Frauenorden und –kongregationen mit vinzentinischem, franziskanischem und augustinischem Ordenscharisma entsandt. P. Svoboda nahm die Tätigkeit des Sekretärs wahr. Es wurden Nachwuchsfragen diskutiert, denen man vor allem mit einer intensiven publizistischen Tätigkeit begegnen wollte, eine „Fühlungnahme mit dem Interessensverband kirchlich-caritativer Anstalten“ wurde beschlossen und eine einheitliche Stellungnahme zum Krankenpflegegesetz erarbeitet. Um im Ministerium eine Position als anzuhörende Partei zu erlangen, bat P. Svoboda die Bischofskonferenz, den Ordensrat mit der Gesamtvertretung der weiblichen Ordensgenossenschaften gegenüber staatlichen Stellen zu betrauen. Nun war es an der Bischofskonferenz, überfordert zu sein. Rohracher wurde beauftragt, Statuten des Ordensrats vorzulegen. P. Svoboda konnte damit nicht dienen, Statuten habe der Ordensrat keine, aber er vertrete „sämtliche 70 weibliche Ordensgenossenschaften Österreichs“[13]. Die Bischofskonferenz anerkannte den Ordensrat schließlich als überdiözesanes Werk, verlangte aber regelmäßige Berichterstattung und schrieb vor, „dass in keinem Orden hineingeredet wird“[14].

Der Ordensrat und insbesondere P. Svoboda gemeinsam mit der genannten Interessensgemeinschaft und dem Caritasverband entfalteten eine rege Tätigkeit. Es wurden eine Novizenmeisterinnenwoche und eine Werkwoche für Ökonominnen und Prokuratorinnen abgehalten, beides in Lambach, sowie eine Reihe von Exerzitienkursen und Einkehrtagen.

Erste Oberinnentagung in Innsbruck

Der Apostolische Visitator gab seine ursprüngliche Position auf und beschloss, selbst eine Tagung einzuberufen. Es sollte eine Versammlung aller Generaloberinnen sein und dem Wesen des Ordensstands und seiner Erneuerung gewidmet werden[15].

Die Tagung sollte wie die bisherigen Treffen ursprünglich in Lambach abgehalten werden, aber da es dort im Winter feucht und kalt war und daher der Gesundheit der Oberinnen nicht zuträglich, entschloss man sich, das ganz neu renovierte Exerzitienhaus der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck zu nützen[16]. Da diese erste Versammlung der Oberinnen zur Keimzelle der Vereinigung der Frauenorden wurde, kehren wir mit dieser Jubiläumstagung an die Ursprünge der VFÖ zurück.

Als Referenten gewann Erzbischof Rohracher den Jesuitenpater Herbert Roth aus Berlin und Frau Marga Müller, die in der Katholischen Laienbewegung in München aktiv war. P. Svoboda konnte dem Programm wenig abgewinnen. Frau Müller plante eine Darstellung des weiblichen Ordensstands anhand der Viten der Heiligen Hildegard von Bingen und der Heiligen Hemma. Dazu P. Svoboda an Erzbischof Rohracher. „Wir bemühen uns seit Jahren, die zeitgerechte Ausprägung des Ordensideals der Schwestern nahezulegen, und nun sollen sie von Typen mittelalterlicher Beschauungsorden hören, um aufs neue verwirrt zu werden“[17]. Rohrachers Verständnis war ein anderes, ihm ging es um eine Erneuerung der Orden im Sinn einer Verinnerlichung und „Vertiefung im Wesen und Wesentlichen“[18].

Während die hochwürdigen Herren noch darum rangen, was für die Schwestern das Beste sei, hatten die Ordensfrauen ganz andere Probleme: Bei der Innsbrucker Tagung baten sie den Apostolischen Visitator, es möge doch Sorge dafür getragen werden, dass die bischöflichen Kommissäre, die Spirituale und Beichtväter eine Einführung in die Lenkung und Leitung von Frauenorden erhalten. Nach dem alten Codex unterstand jede weibliche Ordensgemeinschaft einem männlichen, vom Ortsbischof beauftragten Superior. Die diesbezüglichen Erfahrungen der Frauen dürften nicht immer die besten gewesen sein.

Zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens

Die Bewegung zur Erneuerung des Ordenslebens erfuhr in der Nachkriegszeit besonders durch den Jesuitenpater Riccardo Lombardi wichtige Impulse. P. Lombardi füllte mit seinen Vorträgen ganze Fussballstadien. Seine Botschaft mutete damals sehr radikal an: Eine Sendung in die Welt war sein Auftrag an die Orden, eine größere Zusammenarbeit mit den Laien, eine Ausweitung der Apostolate jenseits von Kloster- und Spitalsmauern. Zeitzeuginnen, die ihn 1949 in Wien sprechen gehört hatten, meinten: „Er hinterließ den Eindruck eines Heiligen“[19]. Die Religiosenkongregation machte die von Lombardi geforderte Anpassung der Orden an die neue Zeit zum Thema des ersten Kongresses der höheren Oberen, der 1950 in Rom stattfand. Es war ein Treffen nur für Männerorden, die Ordensfrauen sollten die Tagung im Gebet begleiten. Erst zwei Jahre später tagten auch die Generaloberinnen. P. Svoboda berichtete darüber sehr skeptisch im Klerusblatt, einer österreichischen Kirchenzeitung. Die Ziele seien nicht klar definiert gewesen, die Ergebnisse bescheiden. Umso wichtiger seien Aktivitäten wie die des österreichischen Ordensrats[20].

Wenig später erhielt Andreas Rohracher ein Schreiben des Nuntius in Österreich, Giovanni Dellepiane, der den Artikel im Klerusblatt gelesen hat „e non mi ha fatto buona impressione“ [21]. Dieser Ordensrat, von dem P. Svoboda da schreibt, was sei das überhaupt? Hat hat der österreichische Episkopat dem zugestimmt? Und es wäre schon besser, wenn auch Österreich den Vorgaben aus Rom folgen würde.

Rohracher, der in der Bischofskonferenz ohnehin bereits zu hören bekommen hatte, dass der Aufgabenbereich des Ordensrats zu unklar sei, ruderte zurück und verweigerte die Bewilligung für die nächsten geplanten Kurse für Oberinnen über „Anstalten- und Menschenführung“. P. Svoboda habe gar nicht das Recht, solche Tagungen, die allgemeine Fragen der Frauenorden behandeln, einzuberufen, beim Ordensrat gehe es ja lediglich um wirtschaftliche und karitative Angelegenheiten[22]. Und er müsse sich schon wundern, warum Svoboda in seinem Artikel den Apostolischen Visitator der Orden mit keinem Wort erwähnte[23].

Am 27. Jänner 1953 legte der Caritaspräsident Prälat Hermann Pfeiffer Rohracher das Programm für zwei diözesane Oberinnentagungen vor, die man gemeinsam mit dem Ordensrat durchführen wollte[24]. Sehr zum Ärgernis des Erzbischofs sollten die Kurse das gleiche Programm wie die abgesagten haben[25]. In der Bischofskonferenz beschwerte man sich, dass „P. Svoboda auf dem Boden der Caritaszentrale versucht, Einfluß auf das eigentliche Ordensleben und die Ordensdisziplin zu nehmen und auch auf caritativem Gebiete Ordensgemeinschaften Weisungen gibt, die der Auffassung ihres Ortsordinarius widersprechen“[26].

Im Jahr 1953 ersuchte Erzbischof Andreas Rohracher den Heiligen Stuhl, sein Mandat als Apostolischer Visitator der Orden „nach Jahren grosser Plage, geringer Unterstützung und daher geringen Erfolgs“ niederlegen zu dürfen[27]. Die Bischofskonferenz bestellte ihn zum Referenten für Ordensfragen[28]. Nach längerer Pause lud er 1956 erstmals wieder zu einer Tagung der Oberinnen ein, und konnte berichten, dass für die Ordensfrauen der Austausch sehr wichtig sei, und die Gruppe allmählich zu einer richtigen Familie zusammenwachse[29].

Erste Arbeitsgemeinschaft der Ordensfrauen

Die Religiosenkongregation hatte bereits dazu aufgerufen, in den Ortskirchen Oberenkonferenzen einzurichten, und so ging Rohracher daran, in Österreich eine Vereinigung der Ordensfrauen nach dem Vorbild der italienischen Federazione delle Religiose d’Italia zu gründen[30]. Dort waren die Schwestern in vier Sektionen zusammengefasst: Krankenpflegende Orden, Schulorden, Orden mit sozial-karitativer Tätigkeit und beschauliche Orden. Rohracher sandte an alle Oberinnen ein Schreiben, erfragte ihre Meinung zur Gründung dieser Arbeitsgemeinschaft und ersuchte um Zuordnung zu einer der vier Gruppen. Besonders letzteres bereitete mehreren Oberinnen Kopfzerbrechen. Aus Orden, die sowohl Schulen als auch Spitäler hatten, wurde nachgefragt, ob man sich auch zwei Sektionen zuordnen dürfe oder man entkam dem Dilemma, indem man sich gleich für die dritte Gruppe entschied. Wieder andere überließen die Wahl der Weisheit des Herrn Erzbischofs[31].

Der Ordensrat wurde zum Leitungsorgan der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Frauenorden und –kongregationen umgebaut. Vertreterinnen aller vier Sektionen wurden in den Ordensrat gewählt, geistlicher Konsulent wurde Eduard Macheiner, Domkapitular und später Weihbischof und dann Erzbischof von Salzburg[32].

Beim Vorsitz existierte in den ersten Jahren eine Doppelgleisigkeit, es gab eine Vorsitzende des ja schon länger bestehenden Ordensrats und eine Vorsitzende der 1959 gegründeten Arbeitsgemeinschaft. Erstere war Mater Hedwig Krause vom Institut der Englischen Fräulein[33], letztere Sr. Tarcisia Meyer von der Caritas Socialis, die gleichzeitig die Gruppe der sozial-karitativen Orden im Ordensrat vertrat. Erst 1963, als Sr. Tarcisia auch zur Vorsitzenden des Ordensrats gewählt wurde, endete dieser Doppelvorsitz[34]. Tarcisia Meyer sollte der VFÖ bis 1978 vorstehen.

Alle Frauengemeinschaften zu vertreten war keine leichte Aufgabe. Auf der Jahrestagung 1960 gab Sr. Tarcisia diesen anschaulichen Bericht:

„Anfang März [1959] erhielten wir, die wohlehrwürdige Mutter Provinzoberin des Instituts der Englischen Fräulein in St. Pölten und ich, vom Wiener Ordinariat die Einladung, zu einer Besprechung zu kommen. Wir trafen dort zusammen mit dem hochwürdigen Herrn Generalabt Prälat Gebhard Koberger vom Stift Klosterneuburg und dem hochwürdigen P. Provinzial Pinsker der Jesuiten, welche die männlichen Orden zu vertreten hatten. Immer noch nichts ahnend, worum es eigentlich ging, wurden wir in einen großen Sitzungssaal geleitet, wo bereits eine stattliche Anzahl Herren geistlichen und weltlichen Standes um einen großen, grünen Tisch saßen. Exzellenz Schoiswohl[35] führte den Vorsitz und wir waren die einzigen Frauen. […]“[36].

Restitution und Vermögensvertrag

Worum es ging und was die erste große Herausforderung für die junge Arbeitsgemeinschaft werden sollte, das war die Frage der staatlichen Wiedergutmachung für Schäden durch das NS-Regime, wie es im Staatsvertrag von 1955 bestimmt worden war. Die Republik hatte der Katholischen Kirche eine Summe von 100 Millionen Schilling zur Verfügung gestellt, für deren Verteilung diese selbst zu sorgen hatte. Dazu waren Schadensmeldungen aus allen Orden einzuholen. Die neugegründete Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften unter dem Vorsitz von Gebhard Koberger hatte diese Aufgabe bereits erledigt, den Frauenorden stand sie noch bevor.

Die Restitutionsfrage wurde zu einem wichtigen Bestandteil der gleichzeitig laufenden Verhandlungen zum sogenannten Vermögensvertrag, einem Zusatzabkommen zum Österreichischen Konkordat. 1960 wurde darin beschlossen, dass die Republik den 1938 von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Religionsfonds behalten sollte. Der Religionsfonds bestand seit dem 18. Jahrhundert, sein Vermögen setzte sich aus dem Besitz aufgehobener Klöster und den lange Zeit eingehobenen Sondersteuern kirchlicher Einrichtungen zusammen. Der Fonds stand unter Verwaltung des Kultusamts und finanzierte Kirchenbauten und Priesterbesoldungen. Die Katholische Kirche verzichtete 1960 auf Leistungen aus diesem Vermögen und erhält dafür seither vom Österreichischen Staat wertangepasst jährlich etwa 17 Millionen Euro und den Gegenwert der Bezüge von 1250 Kirchenbediensteten[37]. Die Aufteilung zwischen Diözesen und Orden erfolgt im Schlüssel 88:12, die Aufteilung der Orden untereinander wurde nach den Schadensmeldungen aus der NS-Zeit vorgenommen, seit Abgeltung dieser Schäden nach einer Pro-Kopf-Quote[38].

Abb.4: Sr. Tarcisia Meyer und Generalabt Gebhard Koberger (Foto: Archiv der Caritas Socialis)

 

Gebhard Koberger repräsentierte in den Verhandlungen die österreichischen Orden. Der Caritas Socialis, der Gemeinschaft von Sr. Tarcisia, war Koberger schon lange verbunden als Seelsorger eines Heimes in Klosterneuburg, das die Schwestern damals führten. Als Macheiner 1969 zum Erzbischof von Salzburg gewählt wurde, erbat sich der Ordensrat Koberger zum neuen Konsulenten.

Die Superiorenkonferenz und die kanonische Errichtung der VFÖ

Die Superiorenkonferenz der Männerorden hatte nicht zuletzt wegen der Konkordatsverhandlungen bereits 1959 die offizielle Bestätigung aus Rom erwirkt. Die Frauenorden wollten nachziehen. Bei einer Sitzung des Ordensrats 1962 überlegte man sogar, ob nicht „ein Zusammenschluß dieser Arbeitsgemeinschaft mit der Superiorenkonferenz zu erwägen [sei], da manche Belange dann gemeinsam bearbeitet werden könnten“[39]. 1964 wurden die Statuten bei der Religiosenkongregation eingereicht, diese wünschte Änderungen. 1966 erfolgte schließlich die kanonische Errichtung einer „Vereinigung der Frauenorden und Kongregationen“.

In den 1970 und 1980er Jahren wurden die Statuten mehrmals geändert. Es vollzog sich ein Prozess der Emanzipierung von den Männern. Aus dem Ordensrat wurde das Präsidium, die Funktion des geistlichen Konsulenten wurde aufgegeben. Die Bestimmungen von 1966, dass die Superiorenkonferenz die weiblichen Orden nach außen vertritt, dass man mit den Männerorden gemeinsame Referate bildet, sich an den Ordensnachrichten beteiligt und die Vorstände von SK und VFÖ jährlich einmal gemeinsame Besprechungen abhalten, wurden gestrichen[40].

Zweites Vatikanisches Konzil

Die finanziellen, rechtlichen und organisatorischen Fragen, mit denen Ordensrat und Arbeitsgemeinschaft in der ersten Zeit hauptsächlich beschäftigt waren, machten dem Thema Ordensreform erneut Platz, als die Vorbereitungen für das zweite Vatikanische Konzil begannen. Für die Frauenorden sollten es stürmische Jahre werden.

1963 wurde der Bitte aus Rom entsprochen, Vorschläge für die Konzilsschemata seitens der Orden einzureichen. Die Wunschliste der österreichischen Frauenorden war recht konkret: An erster Stelle stand nach wie vor das Anliegen, Priester, die mit der Seelsorge und Führung von Ordensfrauen betraut sind, eine entsprechende Ausbildung und Schulung zukommen zu lassen. Weiters wurde vorgeschlagen: freie Wahl des Beichtvaters, Hinaufsetzung des Aufnahmealters, Aufhebung der Benachteiligung von Schwestern mit illegitimer Geburt, Möglichkeit der Verlängerung der Amtszeit einer Oberin um ein drittes Triennat ohne Rückfrage in Rom, Einführung der Landessprache und Verkürzung des Officiums bei den apostolischen Orden, Erteilung der Klausurdispensen durch die Regularoberen, Aufhebung des Verbots der Ausübung des Hebammen- und ähnlicher medizinischer Berufe, mehr Möglichkeit für Urlaub und Erholungszeit[41].

In diesen mehr technischen Fragen dürfte einigermaßen Einhelligkeit bestanden haben. Schwieriger waren allerdings doch manche Grundsatzentscheidungen über das Ordensleben. So bekannte Sr. Tarcisia freimütig, dass sie mit dem Ausdruck „demokratischer Gehorsam“, ein Schlagwort des Ordensaggiornamentos, wenig anfangen konnte[42]. Auch mit der Ablegung der Ordenstracht und dem Du-Sagen in den Gemeinschaften konnte sie sich nicht anfreunden. In ihrer eigenen Gemeinschaft, der Caritas Socialis, ging der Weg jedoch in Richtung „weniger Orden, mehr Apostolat.“[43]

Statistiken

Die Erneuerung des Ordenslebens wurde – bei den Frauenorden viel stärker als bei den Männerorden – stets auch unter dem Aspekt der Rekrutierung von Ordensnachwuchs gesehen. Hatte sich die Anzahl der weiblichen Religiosen in Österreich zwischen 1830 und 1930 verzwanzigfacht, fallen die Zahlen seitdem rapide ab[44]. Ein Zeitphänomen ging zu Ende und eine neue Zeit war angebrochen.

Abb. 5: Statistik von 1840–1958 aus: Hermine Ehringer, Die Frauenorden und –kongregationen in Österreich (Diss. phil. Univ. Wien 1962)

 

Im Überblick der Jahrhunderte zeigt sich aber, dass wir nicht in einer außergewöhnlichen Krisenzeit des Ordensstands leben, sondern eigentlich im Gegenteil von einer Ausnahmesituation auf dem Rückweg zum Normalfall sind. Es hat in Österreich vor dem „Kongregationsfrühling“ des 19. Jahrhunderts durchschnittlich wohl nie mehr als 600 bis 700 Ordensfrauen gegeben[45]. Der Schmerz, den dieser Prozess für die Gemeinschaften bedeutet, führte in den 1950er und 1960er Jahren zu Schuldzuweisungen, besonders an einen materialistischen Zeitgeist und eine nicht mehr opferbereite, hedonistische Jugend. Andere drängten auf Veränderung der Frauenorden. Beim Treffen der Tiroler Oberinnen 1962 plädierte der Apostolische Administrator Paulus Rusch für ein an moderne Zeiten angepasstes Ordensleben – abzuschaffen seien das Aufstehen vor 5.00 Uhr morgens, das Knien vor den Vorgesetzten und das Verbot des Familienbesuchs. Nur dann gäbe es glückliche und frohe Schwestern, und nur durch solche wirbt man am besten unter der Jugend[46].

Berufswerbung und Informationszentrum

Zur Werbung für kirchliche Berufe veranstaltete die Katholische Aktion 1965 eine Ausstellung unter dem Titel „Rufer in der Zeit“. Die Tageszeitung „Die Presse“ meldete es als Besonderheit, dass bei der Eröffnungsfeier sogar eine Ordensfrau sprach. „Allein die immerhin etwas ungewöhnliche Tatsache, daß eine Klosterschwester in so offiziellem Rahmen zu sehen und zu hören war, unterstreicht Sinn und Absicht der Veranstaltung“[47].

Nach den Erfahrungen mit der Ausstellung entstand der Wunsch, die Berufswerbung zu institutionalisieren. Der Erzdiözese Wien, allen voran Kardinal Franz König selbst, war an einem zeitgemäßen Zentrum für Berufungspastoral nach französischem Vorbild gelegen. Die Vereinigung der Frauenorden war gerne bereit, dies zu übernehmen. Nach Plänen von Dombaumeister Kurt Stögerer wurde das Informationszentrum für Priester- und Ordensberufe errichtet. Am 23. April 1968 wurde es von Kardinal König eingeweiht. Es sollte auch ein Zentrum für die Vernetzung der Orden untereinander sein und blieb bis 2010 der Sitz des Generalsekretariats der Vereinigung der Frauenorden. Einigermaßen verbittert war man bei der Superiorenkonferenz. Dort wurde der Alleingang von Sr. Tarcisia sehr bedauert, man hielt „eine Informationsstelle, die nur über weibliche Ordensberufe Auskunft gibt, für völlig verfehlt“[48].

Abb. 6: Informationszentrum für Priester- und Ordensberufe, Planzeichnung (Archiv der VFÖ)

 

„Jetzt“

Im gleichen Jahr 1968 sollte sich noch einmal das ganze Konfliktpotential, das die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens in sich barg, auch in der VFÖ zeigen. Man hatte sich entschlossen, ein eigenes Publikationsorgan herauszugeben, eine Vierteljahreszeitschrift mit dem Titel „Jetzt“. Leitende Redakteurin war Sr. Maria Magdalena (Hildegard) Waach aus dem Wiener Heimsuchungskloster[49].

Abb.7: Titelblatt der Zeitschrift „Jetzt“ und eine Illustration aus Heft 2/1968

 

Die Zeitschrift war graphisch und inhaltlich innovativ, unkonventionell und in einem Ausmaß aufmüpfig, dass nicht wenigen Oberinnen der Atem stockte. Man wählte bewusst die Konfrontation und oft auch Provokation, um Themen in Diskussion zu bringen. Letztendlich fühlten sich aber viele österreichische Oberinnen nicht richtig repräsentiert, und der Ordensrat sah sich schließlich veranlasst, die Redaktion abzurufen. Diese wechselte 1969 in einen Münchner Verlag, „Jetzt“ erschien noch bis 1998 als Zeitschrift für Ordensfrauen.

Was zeitgemäßes Ordensleben von Frauen ist, wird jede Gemeinschaft immer wieder neu zu reflektieren haben. Die Geschichte der Vereinigung der Frauenorden lehrt, dass im Miteinander neue Perspektiven eröffnet und neue Wege gebahnt werden. Was vor 50 Jahren noch undenkbar oder zumindest außergewöhnlich schien, ist heute oft eine Selbstverständlichkeit. Das sollte uns Gelassenheit und Hoffnung für die Zukunft der Frauenorden geben.

 



[1] Der Text gibt meinen Vortrag, gehalten am 29.4.2016 in Innsbruck beim Studientag der Frauenorden anlässlich 50 Jahre Vereinigung der Frauenorden Österreichs (VFÖ), unverändert wieder. Ich bedanke mich für die Unterstützung bei den Archivrecherchen beim Sekretariat der VFÖ, besonders bei Kerstin Stelzmann, beim Archiv der Erzdiözese Salzburg, beim Kamillianerorden, besonders bei P. Leonhard Gregotsch, bei der Schwesternschaft Caritas Socialis und beim Archivar der Erzdiözese Wien, Johann Weißensteiner. Das Archiv der Österreichischen Bischofskonferenz war mir trotz wiederholter Anfrage bedauerlicherweise nicht zugänglich.

[2] VFÖ, Ordner „Uranfänge Arbeitsgemeinschaft der Frauenorden“, 23.9.1963.

[3] Gerhard B. Winkler, Erzbischof Rohracher als „Ordensreformer“?, in: Ernst Hintermaier-Alfred Rinnerthaler-Hans Spatzenegger (Hg.), Erzbischof Andreas Rohracher: Krieg - Wiederaufbau - Konzil (Salzburg 2010) 305–317, hier 305. Das Dekret vom 8. April 1948 lautet wörtlich: „Provideat ad instaurandam regulae disciplinam, ob immane bellum prorsus labefactam, in omnibus monasteriis et domibus religiosis.“

[4] Ebd.

[5] Ebd. 313.

[6] Archiv der Erzdiözese Salzburg (im Folgenden AES), Macheiner 19/29, Organisation der Krankenschwestern in Österreich (o.D.).

[7] AES, Rohracher 19/5, Ordensrat, 13.12.1947.

[8] Ebd. 16.12.1952

[9] AES, Rohracher 19/5, Werkwochen, 30.3.1948.

[10] AES, Rohracher 19/5, Ordensrat, 23.2.1948.

[11] Ebd. 16.3.1948.

[12] Ebd. 1.4.1948.

[13] Ebd. 29.11.1949.

[14] Ebd. 16.11.1949.

[15] Die Vollkommenheit des Ordensstandes als Synthese von Natur und Übernatur. Vorträge gehalten auf der Tagung der österreichischen Ordensoberinnen in Innsbruck vom 26. Jänner bis 1. Februar 1952, hg. von der Apostolischen Visitation für die Klöster Österreichs (Salzburg 1952).

[16] AES, Rohracher 19/13, 2.10.1951.

[17] AES, Rohracher 19/13, 17.1.1952.

[18] Eduard Macheiner, Neue Wege der Zusammenarbeit. Die „echte Koalition“ der Ordensleute Österreichs, in: Ordensnachrichten Heft 3 (1963) 22–28, hier 23.

[19] Archiv der Caritas Socialis, Chronik der Caritas Socialis, Typoskript (o.D.), S. 150.

[20] AES, Rohracher 19/5, Ordensrat, Ausschnitt aus „Klerusblatt“ vom 8.11.1952.

[21] „Das hat mir keinen guten Eindruck gemacht.“, AES, Rohracher 19/5, Ordensrat, 21.11.1952.

[22] AES, Rohracher 19/5, Ordensrat, 2.12.1952.

[23] Ebd. 9.12.1952.

[24] Ebd. 27.1.1953.

[25] Ebd., 21.2.1953.

[26] Ebd., Bischofskonferenz vom 6./7.4.1954.

[27] VFÖ, Ordner „IG-Anfänge u.a.“, Bischofskonferenz vom 25./26.3.1953.

[28] Ihm folgte Eduard Macheiner. Die Zuständigkeit betraf nur die Frauenorden. Für die Anliegen der Superiorenkonferenz war in der Bischofskonferenz Jakob Weinbacher zuständig (Diözesanarchiv Wien, Nachlass Jachym, Protokolle der Bischofskonferenz, 1.–3.4.1968). Die Einsetzung der Gemischten Kommission, in der Bischöfe und Ordensvertreter zusammenarbeiten, erfolgte auf Vorschlag von Josef Schoiswohl 1962 (ebd., 10./11.4.1962).

[29] AES, Rohracher 19/5, Ordenstagungen, 21. –28.1.1956 und 1961; Diözesanarchiv Wien, Nachlass Jachym, Protokolle der Bischofskonferenz, 21./22.3.1956.

[30] Diözesanarchiv Wien, Nachlass Jachym, Protokolle der Bischofskonferenz, 9./10.4.1957.

[31] AES, Rohracher 19/13, 1957.

[32] Ebd. 24.–31.1.1959. Es bestanden auch Statuten, die die Bischofskonferenz genehmigte, siehe Diözesanarchiv Wien, Nachlass Jachym, Protokolle der Bischofskonferenz, 16./17.3.1959.

[33] Diözesanarchiv Wien, Nachlass Jachym, Protokolle der Bischofskonferenz, 5./6.4.1960.

[34] VFÖ, Ordner: „Uranfänge Arbeitsgemeinschaft der Frauenorden“, Koberger/SK, 11. Jahrestagung 1963.

[35] Josef Schoiswohl, ab 1940 Direktor der Finanzkammer der Erzdiözese Wien.

[36] VFÖ, Ordner „Uranfänge Ordensrat“, Protokolle, Referat zur Ordenstagung, Jänner 1960.

[37] Vertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Österreich zur Regelung von vermögensrechtlichen Beziehungen, in: Bundesgesetzblatt Nr. 195/1960.

[38] Helga Penz, „Man müsste Mut haben.“ Die Anfangsjahre der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, in: Ordensnachrichten 48, Heft 5+6 (2009) 4–21, hier 10–12.

[39] VFÖ, Ordner „Uranfänge Ordensrat“, Protokolle, 13.10.1962.

[40] VFÖ, Archivbox „Statuten“. Die Superiorenkonferenz hat diese Bestimmungen in ihren Statuten beibehalten.

[41] VFÖ, Ordner „Uranfänge Arbeitsgemeinschaft der Frauenorden“, Vorschläge der Arbeitsgemeinschaft aller weiblichen Orden, Kongregationen und Gemeinschaften Österreichs zur Beratung für die einschlägigen Konzilsschemata, 17.8.1963.

[42] VFÖ, Ordner „Uranfänge Ordensrat“, Koberger/Macheiner, 26.6.1961.

[43] Die Erinnerung an Sr. Tarcisia Meyer, die der Caritas Socialis von 1952 bis 1964 als Generalleiterin vorstand und die danach Mitglied im Generalrat war, als Opponentin der Reformbemühungen ist in der Schwesternschaft nach wie vor sehr lebendig.

[44] Hermine Ehringer, Die Frauenorden und –kongregationen in Österreich, 2 Bände (Diss.phil. Univ. Wien 1962). Die Arbeit bringt die Ergebnisse einer unter den Frauenorden durchgeführten statistischen Erhebung, die in Kooperation mit dem Internationalen Katholischen Institut für kirchliche Sozialforschung durchgeführt worden ist (Statistikgraphik in der Beilage zu Band 1).

[45] 1840 gab es ca. 1000 Ordensfrauen in Österreich. Kaiser Joseph II. ließ 1780 die Ordensleute in den österreichischen und böhmischen Erblanden zählen (das heutige Österreich macht etwa ein Drittel der Fläche aus), das Ergebnis waren 2000 Ordensfrauen und 14.700 Ordensmänner.

[46] VFÖ, Ordner „Uranfänge Ordensrat“, Innsbruck, 27.2.1962.

[47] VFÖ, Ordner „Informationszentrum“, Zeitungsausschnitte zur Ausstellung „Rufer in der Zeit“.

[48] Archiv der SK, Protokoll über eine Besprechung im Wiener Priesterseminar am 19.2.1958.

[49] VFÖ, Archivbox „Zeitschrift“.

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